Mikrobiota optimieren, Dysbiose verhindern: Eine neue Strategie für die Krebsprävention?

(Prof. Dr. Dr. Karin Michels )

Welche Rolle spielt das Mikrobiom bei der Tumorgenese?

Prof. Michels: Wir Epidemiologen betrachten das Mikrobiom als möglichen Vermittler zwischen Umweltstressoren und Krebs. Dass bestimmte Umweltfaktoren eine Dysbiose verursachen, ist bekannt. Wir wissen auch, dass eine Reihe von Krebserkrankungen mit einer Dysbiose einhergehen. Bislang vorliegende Studien erlauben aber keine Rückschlüsse, ob die Dysbiose vor oder nach der Tumorgenese entsteht. Ist sie ein Auslöser für Krebs oder eine Folge davon? Diese Frage untersuchen wir zurzeit in einer großen Studie.

 

Meinen Sie die NAKO-Gesundheitsstudie?

Prof. Michels: Ja, das ist die größte prospektive Bevölkerungsstudie, die jemals in Deutschland durchgeführt wurde und eine der größten Populationsstudien weltweit. Sie läuft seit 2014 und umfasst 200.000 zumeist gesunde Teilnehmer im Alter zwischen 20 und 69 Jahren, die in 18 Studienzentren in regelmäßigen Abständen befragt und untersucht werden. Ein Zentrum ist unser Institut in Freiburg. Wir sammeln medizinische Daten, Bioproben und werten Fragebögen zum Lifestyle aus. Mit den prospektiven Daten werden wir in der Lage sein, die Sequenz der Tumorgenese besser zu erfassen und hoffentlich neue Ziele für die Prävention zu identifizieren.

 

Was verstehen Sie unter der Sequenz der Tumorgenese?

Prof. Michels: Wir untersuchen zunächst, welche Risikofaktoren zur Dysbiose führen und dann die zeitliche Abfolge von der Dysbiose zum Krebs – und das in der gleichen Studienpopulation. Am besten erforscht ist diese Sequenz bislang beim kolorektalen Karzinom. Wir kennen die wichtigsten Lifestyle-Risikofaktoren, die die Tumorgenese möglicherweise auch über eine Dysbiose fördern.

 

Welche Risikofaktoren sind das? 

Prof. Michels: Übergewicht, Adipositas, zu wenig körperliche Bewegung und Rauchen sowie der häufige Verzehr von rotem Fleisch und Alkohol erhöhen das Risiko für Darmkrebs – wahrscheinlich zumindest zum Teil über eine Dysbiose. Die Dysbiose wiederum könnte die Tumorgenese über diverse Mechanismen fördern, u. a. über Interaktionen mit dem Immunsystem, bakterielle Metabolite sowie via Adhäsion, Invasion und Translokation bakterieller Bestandteile.

 

Wie lässt sich das Mikrobiom für die Darmkrebs-Prävention nutzen?

Prof. Michels: Ziel ist eine Optimierung des Mikrobioms, das durch die genannten Risikofaktoren gestört wird. Dabei setzen wir vor allem auf die Ernährung. Ballaststoffe (Präbiotika) und Kalzium senken das Darmkrebsrisiko, neueren Daten zufolge auch Joghurt (1) und vielleicht auch andere fermentierte Lebensmittel (Probiotika). Wir untersuchen zurzeit in zwei Studien, ob der regelmäßige Verzehr von Sauerkraut bzw. von Joghurt und Haferflocken den Anteil nützlicher Bakterien und anderer Mikroorganismen im Mikrobiom erhöht und so einer Dysbiose entgegenwirkt.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

Mit Prof. Michels sprach Dorothee Hahne

 

Literatur:

1 Michels KB et al. Yogurt consumption and colorectal cancer incidence and mortality in the Nurses' Health Study and the Health Professionals Follow-Up Study. Am J Clin Nutr. 2020; 112(6): 1566-75.

 

Bild-Quelle: Michels, privat

Aus: Newsletter 1/2022, Hamburger Expertenkreis Mikrobiom (Initiative der FERRING Arzneimittel GmbH)